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RZ-Online Artikelarchiv vom 15.08.2009

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Kunstwelt fragt: Wie viele Arps sind eigentlich echt?

Steinmetze vollendeten Skulpturen, Gipser fertigten Kopien - Nach dem Tod des Künstlers entstanden Arbeiten, die heute den Handel bereichern

Lange nach dem Tod von Hans Arp hat sich die Zahl seiner künstlerischen Arbeiten auf wundersame Weise vermehrt. Die Spur der Handlanger, die sich an Arps Werk zu schaffen machten, führt vom Rhein bis in die Toskana.

Von Nicole Mieding

ROLANDSECK. Es ist ein Kreuz mit der Kunst: Erst streiten Kenner darüber, ob etwas Kunst ist oder doch eher Krempel. Und gilt ein Künstler erst einmal als anerkannt, fragt sich beim Anblick seiner Werke so mancher, ob die denn auch wirklich echt oder doch eher gut gefälscht sind. Von dem Dilemma wissen die Betreiber des Arp Museums in Rolandseck (Kreis Ahrweiler) ein Lied in vielen Strophen zu singen.

Dort taucht immer wieder die Frage auf, wie viele der gehorteten Kunstwerke tatsächlich von Hans Arp stammen (also Originale sind), oder ob sich unter den gesammelten Arbeiten nicht auch jede Menge Wertloses versteckt. Genau weiß das auch zwei Jahre nach Eröffnung des Museums keiner - "die Besucher erkennen den Unterschied ohnehin nicht", lautet bisher die Antwort der Verantwortlichen. Zweifel bleiben. Nun behauptet schon wieder jemand, es gebe "Zeugen dafür, dass (die Kunst von) Hans Arp tatsächlich nachgearbeitet wurde". Daraus ergebe sich ein "mehr als dringender Anfangsverdacht, dass das Land Rheinland-Pfalz (seit 1996) auch Fälschungen erworben hat".

Der das sagt, ist kein Kunstkenner, sondern lediglich einer, den es "wurmt, was mit all dem Geld aus dem Bonn-Berlin-Ausgleich geschehen ist": Hans Wallow, Ministerialrat a.D.. Als SPD-Bundestagsabgeordneter für den Kreis Ahrweiler hatte er sich dafür eingesetzt, dass als Entschädigung für den Wegzug der Regierung 1999 jede Menge Geld in den nördlichsten Kreis von Rheinland-Pfalz floss: mehr als 120 Millionen Euro. Mindestens 33 Millionen wurden im Arp Museum verbaut, weitere 10 Millionen Euro für eine eigene Kunstsammlung ausgegeben.

Wallow (70) lebt als Pensionär in Bonn und ist in vielem, was er tut, von der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit getrieben. In Rolandseck fühlt er sich wieder mal zur Aufklärung verpflichtet: Zu Glanzzeiten des Künstlerbahnhofs und dessen Gründers, Johannes Wasmuth (1936-1997), ging auch Hans Wallow dort ein und aus. Dabei hatte er nicht nur am eigenen Leib erlebt, wie der schillernde Bad Godesberger Galerist und begabte Verführer einem falsche Kunst für echte andrehte. Noch heute steht bei Wallow ein angebliches Macke-Aquarell im Keller. In Rolandseck - Ende der 70er- oder Anfang der 80er-Jahre sei das gewesen - traf Wallow auch einen, der Arp-Plastiken in Marmor schlug: den toskanischen Bildhauer Viliano Tarabella, einen Schüler Hans Arps, der Werke des Meisters vollendete oder eben auch schuf... Jedenfalls, so erinnert Wallow sich, war Hans Arp (1886-1966) da schon seit einigen Jahren tot.

Nun bestreitet selbst der von Wasmuth in Rolandseck gegründete Verein "Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp" nicht, dass Arp seine Kunst lediglich modellierte und ihre Ausführung anderen Kunsthandwerkern - Schreinern, Gießern oder Bildhauern - überließ. "Herr Arp hat bis zu seinem Tod keine einzige Plastik gegossen", betont die Nachlassverwalterin Wasmuths und Geschäftsführerin des Arp-Vereins Anna Krems seit Jahren. Und auch, dass der Dadaist Arp einen äußerst liberalen Kunstbegriff vertrat. Wie später Andy Warhol mit seiner Factory: Der koppelte die Kunstproduktion gleich völlig vom Ideengeber ab. Was also soll in Arps Fall daran so schlimm gewesen sein? Arp war Modelleur, nicht Skulpteur, das leugnet auch Hans Wallow nicht. Er wirft keinem Künstler vor, dass er seine Arbeiten von der Hand eines fremden Bildhauers schaffen lässt. "Die Frage ist lediglich, ob das vor oder nach seinem Tod passiert", betont Wallow.

Im Falle der Arp-Sammlung in Rolandseck traut sich bis heute keiner, das Echte vom Falschen zu scheiden. Auch Hans Wallow nicht. "Ich sage nicht, diese oder jene Plastik ist falsch. Ich behaupte nur, dass regelmäßig gefälscht wurde!" Wie er das kann? Die Suche nach der Wahrheit hat ihn auf eine Recherchereise nach Italien getrieben. Dort stieß er nicht nur auf Werke, die denen Hans Arps verblüffend ähnelten. Geschaffen hatte sie ein alter Bekannter: Viliano Tarabella, der inzwischen gestorbene Bildhauer und Arp-Schüler, der im Auftrag von Johannes Wasmuth Plastiken nach Arps Modellen schuf, mit denen es sich - so der Verdacht - einträglich handeln ließ.

Die "Fonderia Artistica Versiliese" in Pietrasanta liegt ganz in der Nähe der legendären Marmorsteinbrüche von Carrara. In der toskanischen Bildhauerwerkstatt kennt man nicht nur Viliano Tarabella. Die Angestellten sind auch heute noch darauf spezialisiert, die Werke berühmter Künstler herzustellen. Mit Diensten für den berühmten kolumbianischen Bildhauer Fernando Botero etwa wirbt die Gießhütte auf ihrer Internetseite. "Viele Werkstätten arbeiten für den und noch für andere weltberühmte Künstler", erklärte Giovanni Francesconi dem verdutzten Besucher aus Deutschland und führte Hans Wallow zu einer Skulptur, die einmal "ein Botero" werden sollte. Wallow fotografierte viele künftige Kunstwerke in Pietrasanta und kehrte mit zwei Skulpturen im Stil von Botero und Arp nach Hause zurück.

Es gibt noch einen Mann, der Wasmuths emsiges Geschäftsgebaren bezeugen kann. Er heißt Hans Müsch (Name von der Redaktion geändert), ist Stuckateur und inzwischen in Rente. Dass er in Wasmuths Diensten stand, legt ein Protokoll nahe, das er am 16. Juni 1989 an den Arp-Verein in Rolandseck schickte. Ausweislich dieses Papiers hat er "ca. 110 Stck. Formen von Plastiken aus Gips im Sinne einer allgemeinen Zustandsbestimmung untersucht". Mit niederschmetterndem Resultat: "Die untersuchten Formen sind Replikate. (...) Der überwiegende Teil der Formen ist in bedenklich schlechtem Zustand - zerbrochen oder aufgeplatzt oder durch Feuchtigkeit verrottet." Müsch empfahl Neugüsse, "die bei der Herstellung in meiner Werkstatt je Stck. zwischen 25 und 650 DM kosten würden".

Zusammen mit seinem Sohn hat Müsch im Bahnhof Rolandseck nicht nur wochenlang Arp-Gipse restauriert. Nach Abschluss des Auftrags gab Wasmuth bei ihm im großen Stil Abgüsse - also Kopien - und auch jeweils eine Gussform in Auftrag. In mehreren Tranchen fertigte er Replikate an, die er Wasmuth für insgesamt 78 666,44 Mark inklusive Mehrwertsteuer in Rechnung stellte. Zu welchem Zweck Wasmuth den Aufwand betrieb, wagten Müschs damals nicht zu fragen. "Wir konnten uns das natürlich denken. Wenn einer eine Form braucht, wird er sie ja wohl auch zum Gießen benutzen wollen", sagt Andreas Müsch (Name geändert) gegenüber unserer Zeitung. Der Arp-Verein teilt sich mit den Arp-Stiftungen in Meudon und Locarno das Privileg, die Echtheit von Arp-Werken zu bestätigen und Zertifikate für Originale auszustellen.

Bis in die 1990er-Jahre produzierte die Stuckateurfirma Arp-Gipse für den Arp-Verein und trug so zur wundersamen Vermehrung von Hans Arps künstlerischem Schaffen bei. Dass der testamentarisch verfügt hatte, all seine Gipse nach seinem Tod zu zerstören, wussten die fleißigen Handwerker freilich nicht. Drei Probeabgüsse, die nicht optimal gelungen waren, durften sie behalten. Heute stehen sie nur 17 Kilometer vom Bahnhof Rolandseck entfernt. In einem Bauwagen im Garten von Andreas Müsch hat der Karlsruher Kunsthistoriker und ausgewiesene Arp-Experte Gert Reising "drei blendend weiße, jungfräuliche Arps" begutachtet. Dass sich aus denen auf dem Kunstmarkt Kapital schlagen lässt, dämmert dem Besitzer jetzt. Von den Gipsen lassen sich originalgetreue Marmorskulpturen nachbilden, aber auch Gießschalen abformen, mit denen man wiederum Gips- oder auch Bronzeplastiken herstellen kann. Man kann die Güsse natürlich auch gleich als Arp-Gipse ausstellen. Müsch lässt den Handelswert seiner Stücke für alle Fälle jetzt von Spezialisten schätzen.

Welche der von der Firma Müsch hergestellten "Arps" heute als echte Kunstwerke in Galerien und Museen stehen, ist nun die Frage. In den Rechnungen an Johannes Wasmuth tauchen jedenfalls auch Gießformen für Plastiken auf, die er später an das Land Rheinland-Pfalz verkaufte. Was war zuerst da: Plastik oder Form? Ein verlässliches Urteil darüber erbrächte eine kriminaltechnische Analyse. Damit ließe sich nachweisen, aus welcher Zeit und Region der verwendete Werkstoff stammt und wer daran Hand angelegt hat. Die Erkenntnisse aus einer solchen Untersuchung böten auch eine verlässliche Grundlage, um die Kunstsammlung des Landes neu zu bewerten. Und brächten letzte Gewissheit, wofür die Steuermillionen ausgegeben wurden. Schade bloß, dass sich weder im Arp Museum noch unter den Mitgliedern der Landesregierung irgendwer findet, der so viel Wahrheit zu ertragen wagt. Schließlich lässt sich keiner gern als Nicht-Kenner vorführen - oder gar über den Wert hoch geschätzter Werke desillusionieren. Es ist, wie gesagt, ein Kreuz mit der Kunst.

Hinweis: Dieser Artikel stammt aus unserem Archiv.
Die darin enthaltenen Informationen könnten inzwischen überholt sein!

 

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